Zum Beispiel letztes Jahr im Sommer...

...ich weiß zwar nicht, was du letzten Sommer getan hast, aber ich weiß, was ich letzten Sommer tat. Letztes Jahr um diese Zeit zeugte ich das Kind, was nun an meinem Busen nuckelt. Die Pille loszuwerden war nicht schwer, wir haben sie feierlich verbrannt und was vorher eher Spaß und Zeitvertreib war, bekam nun eine andere Bedeutung. Und ich weiß auch noch, wie ich meinen ersten Schwangerschaftstest kaufte und ihn dann auf dem schäbigen Klo im Berliner Europacenter durchführte. Er war negativ und obwohl meine Reise ins Mutterdasein erst gestartet hatte, war ich durch und durch von einer tiefen Traurigkeit erfüllt. Mein Partner, mein Freund, mein (Lebens)Gefährte, der Vater meines zukünftigen Kindes – wie sagt man denn zu jemand, der einem so viel mehr bedeutet, als all diese Begrifflichkeiten? – na, ER jedenfalls war ebenfalls traurig und geknickt. Wir machten weiter, ließen uns nicht beirren und siehe da, einen Monat später wollte es uns gelingen und wir schenkten der Welt einen neuen Erdenbürger. Was anfänglich aussah wie ein kleiner Astronaut, eine Bohne mit Armen, ein kleiner PittiPlatsch wuchs uns schnell ans und ins Herz. Jetzt krakeelt es nachts und meckert über Tag und lächelt und pupst und rülpst und strampelt und entdeckt die Welt wir sind trotzdem hin und weg. Seit 5 Monaten schon und wir fügen jeden Tag eine neue Perle auf der Perlenkette des Lebens hinzu. Wie sehr sich die Welt ändert, das Leben, was wir führ(t)en, das wollte ich nicht so recht glauben und muss nun, nach 5 Monaten jedem, der mir das gesagt hat, Recht geben. Das Leben ändert sich, die Welt steht Kopf, meine Prioritäten verschieben sich und Dinge, die mir früher wichtig waren, sind nichtig und klein und andererseits gibt es Dinge, die mich maßlos aufregen, die mir früher am Arsch vorbeigegangen sind (noch darf ich so was schreiben, noch liest mein Kind nicht mit). Mein Kind. Wie sich das anhört. Meine Tochter. Neulich fragte mich ein Freund, nachdem ich den Wurm zu Bett gebracht hatte, wann denn meine Tochter nun das nächste Mal etwas zu trinken haben wolle. Es hat eine Weile gedauert, bis ich merkte, er meint mich. Und mit meiner Tochter meint er den Wurm, der in seinem Bettchen lag und nichts von Schlaf wissen wollte, sondern sich lieber erneut in Endlosschleife eines meiner schlecht gesungenen Kinderlieder antun wollte. Und als mein Bruder mir neulich erklärte, dass unser Neffe nicht mit auf eine Ü30-Party gehen könne, weil er eben noch in den 20ern ist und nach seinem Ausweis gefragt werden würde, da war auch ich ganz empört und fühlte mich gleich angesprochen. „Ich kann da auch nicht hingehen“, sagte ich. „Warum?“, fragte er mich zögernd, wollte wohl wissen, ob ich keinen Babysitter gefunden habe. „Na, weil ich auch unter 30 bin“, erwiderte ich und fing mir einen vielsagenden Blick, den sich wohl nur Geschwister zuwerfen können. „Ist klar, kleine Schwester“, sagte er und strich mir brüderlich übers Haar.

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