Wenn ein Mensch kurze Zeit lebt...

Vor 2 Wochen ist mein Großvater gestorben und ich bin traurig. Obwohl er sich genau an meine Anweisung gehalten hat („du kannst machen was du willst, aber vorher möchte ich dich noch meinem Kind vorstellen“), bin ich traurig. Ich habe eigentlich ein entspanntes Verhältnis zum Tod. Er kommt ohnehin, man kann es nicht vermeiden. Bei manchen Menschen denke ich oft, es ist zu früh. Als der Vater meiner Freundin starb, Mitte 40, im besten Alter und sie noch keine zarte 20 Jahre jung. Als ich hörte, dass der Bruder einer anderen Freundin vom Auto erfasst wurde und er auf der Stelle starb. Der Knabe ist keine 16 geworden.

Mein Großvater hingegen ist 93 geworden. Ein Mann, der sein Leben gelebt hat, einen Krieg und die kaum weniger anstrengenden folgenden Jahre überlebt hat. Der drei Söhne groß gezogen, fünf Enkelkinder und acht Urenkelkinder in den Armen gehalten und liebkost hat.

Mein Großvater war ein starker, stolzer Mann. Ein Patriarch im klassischen Sinne. Wenn er etwas sagte, dann horchten alle auf, die Söhne, gestandene Männer, alles Ingenieure ebenso wie die Enkelinnen und Enkel.

Ich höre meine Großmutter, wie sie ein Gespräch mit einer befreundeten Dame wiedergibt und es klingt wie einer dieser klassischen Witze:

Treffen sich zwei Damen. Sagt die eine zur anderen: „Und, was sind ihre Söhne geworden?“ Sagt die: „alles Doktoren! Ich wünschte, sie hätten was Richtiges gelernt. Ingenieur zum Beispiel!“ Darauf meine Oma: „Sehen Sie, meine Söhne haben auch nichts Richtiges gelernt! Sind alles Ingenieure und ich wünschte, wenigstens einer wäre Doktor.“ Mein Opa konnte sich darüber immer so richtig ausschütten vor Lachen und dabei würde sein dicker Bauch vor Lachen beben und seine Brille auf der Nase wackeln.

Ach ja, die Brille. Bei jedem Besuch habe ich sie geputzt und manchmal lagen zwischen meinen Besuchen wenigstens 6 Monate. Die Brille sah aus, als hätte sie auf mich gewartet. Ebenso wie der Großvater – und seine buschigen Augenbrauen, die ich ihm immer gestutzt habe.

Die Einkäufe habe ich den beiden gemacht. Die Butter bei Netto gekauft, das Konfitüre und den Saft bei Lidl, die Brötchen immer bei einem bestimmten Bäcker und den Aufschnitt nur frisch beim Metzger. Das Restgeld durfte ich behalten und habe es vor allem in der Vorweihnachtszeit für Pfeffernüsse ausgegeben. Noch heute begrüßt mich Oma damit, wenn ich zwischen September und Dezember zu ihnen komme.

Beim letzten Besuch jedoch musste ich schlucken. Der Krebs hat meinen Großvater gezeichnet, das ehemals runde, volle Gesicht war eingefallen, die Wangenknochen stachen hervor. Was sagt man zu jemandem, mit dem man immer gut auskam, mit dem man sich immer gut unterhalten konnte und dem eigentlich alles gesagt ist? Wie verabschiedet man sich, wenn man weiß, dass es das letzte Mal ist? Ich war nicht tapfer, ich hatte Tränen in den Augen und mein Kind hat geschlafen. So sind sein 5. Enkelkind mit dem 8. Urenkel zur Tür hinaus ins Leben getreten, während Opa darauf gewartet hat, dass dieser lange Weg ein Ende nimmt.

Warum bin ich also traurig? Ich weine wegen meiner Großmutter. Ich vergieße Tränen wegen der tragischen Schönheit, die ihre Liebesgeschichte hat. 80 Jahre lang kennen sich die beiden, 70 davon fast Tag und Nacht zusammen.

Und was macht Oma? Nach dem ersten Schock wird die Bude umgestellt und sie bestellt sich eine neue Couch. Lieferzeit 8 Wochen. Meine Oma ist 91.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Ac (Montag, 02 Dezember 2013 14:48)

    Nice hands picture, moving