Krümel und Meersalz

Eben noch lief ich in Chucks durch meinen Kiez und heute fühle mich nicht dazu gehörig. Warum? Was war passiert?

Ich bin hier groß geworden, aufgewachsen, ein Stück weit erwachsen geworden. Ich habe 19 Jahre und länger in dieser Ecke der Stadt verbracht, in der sich graue Fassaden an bunte Steine reihen, in der sich Restaurants und Kneipen mit tollen Namen wie "Torpedokäfer" oder "Meersalz" an einander reihen. In einer Ecke der Stadt, wo die Blumen, ganz klar, bei "Frau Rose" gekauft werden und Frida Kahlo nicht nur eine Malerin ist. Ich bin hier weg seit 10 Jahren und doch erkenne ich das Muster der Strasse wieder. Die Hunde sind die gleichen, die jungen Kerle, die mir mit ihren schlacksigen Schritten entgegenkommen, die Mädchen, die Hornbrillen mit Fensterglas tragen, nur, weil es schick ist.

Ich habe mittlerweile nicht nur einen Bauch, so wie fast jede 2. Frau, ich habe sogar ein Kind und einen dazugehörigen Kinderwagen. Ich weiß, was ein Tragetuch ist, die Firma „Hoppediz“ sagt mir was, ich kenne die Unterschiede zwischen den einzelnen Windelmarken und dass mein Kind keine Bübchen Wundcreme braucht. Die Penaten-Cremedose, die ich geschenkt bekam, als ich im 6. Monat schwanger war, nutze ich für mich selber und meine Klamotten haben einen Eingriff, damit ich mich zum Stillen nicht nackig machen muss. An sich gehöre ich also voll dazu, voll hinein in diesen Kiez, in den Prenzlauer Berg des Jahres 2013 – und trotzdem fühle ich mich nicht dazugehörig. Können die anderen Mütter, die schwatzend und Kaffeetrinkend am Spielplatzrand sitzen, sehen, dass ich nicht hier wohne? Kennen sich die Kids untereinander so gut, dass sie mich und meinen Zwerg nicht mal mit dem Hintern anschauen? Ist der Name zu einfach, um auf dem Spielplatz gerufen zu werden? Ich habe mich nun mal gegen einen Doppelnamen mit Bindestrick entschieden, ganz bewusst. Ich habe bewusst auf alte traditionelle Namen zurückgegriffen, zum einen, weil ich sie schön finde, zum anderen weil ich mir eben keine 50jährige Chantalle oder eine 70jährige Yekta vorstellen kann.

Ich werde das Gefühl nicht los, dass ich, selbst, wenn ich hier wohnen geblieben wäre, nicht mehr dazugehören würde. Weil ich eben nicht in bin, nicht hip, nicht besonders und schon gar nicht so „wertvoll“, wie es die Menschen im Prenzlauer Berg gern wären. Diese unterschwellige Wut, die Aggression, die sich im Miteinander wiederspiegelt, vor allem in Telefongesprächen, von denen der Mann am Nachbartisch zum Beispiel nicht denkt, dass jemand es mitbekommt. Diese Erwartungshaltung ans Leben und an die anderen, an die Regierung und vor allem an den Partner – wo kommt die her? Und ist das nur ein Phänomen des Prenzlauer Berg oder ist das mittlerweile überall so? Oder kommt mir das nur so vor, weil ich eben wirklich nicht dazu gehöre? In ist, wer drin ist. Und ich bin sowas von nicht drin…

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