Zellteilung - Ausgehen

Heute Abend geh ich aus.

 

Dies wird ein schwieriger Moment, denn ich gehe das erste Mal aus, seit ich Mutter geworden bin. Eigentlich wollte ich allein gehen, aber dann sah ich meine Freundin an, auch fast zur gleichen Zeit Mutter geworden wie ich.

Sie wollte ebenfalls gern, hatte aber nicht den Mut zu sagen: Los geht's.

Also nahm ich sie an die Hand und sagte es zu ihr. „Aber wir bleiben nicht lange“, sagte sie und sprach damit aus, was ich dachte - und gleichzeitig ärgerte ich mich über die Einschränkung, der wir uns im gleichen Moment hingaben. Mein Freund ging fast an die Decke, als er das hörte. Er schimpfte wie ein Rohrspatz, dass wir uns nicht selber gleich so einschränken sollten und dass wir, wenn wir Spaß hätten, durchaus auch nach Mitternacht nach Hause kommen dürfte – wir würden uns schon nicht in Kürbisse oder Mäuse verwandeln…

 

Seit fast einem Jahr war ich nicht mehr aus. Und schon gar nicht allein. Halt, das stimmt so nicht, immerhin war ich im Februar beim Karneval in Rio. In mir schlummerte die 6-Monatsversion von dem Wurm, der mich jetzt allabendlich wach hält.

Der dafür sorgt, dass ich für zwei denke.

Der dafür sorgt, dass ich eben nicht nachts um die Häuser ziehe.

Der dafür sorgt, dass ich ein schlechtes Gewissen habe, wenn ich ihn mal für eine Stunde vergesse, weil ich mich einer Massage oder Akkupunkturnadeln hingebe.

 

Der Abend in Rio war denkwürdig. Ich stand in weißen Jeans und einem Bikinioberteil und einer Maske in einer Masse von Schwulen, die in wilden Kostümen Karneval, vor allem aber wohl sich selbst, feierten. Mein Bauch wölbte sich in den Raum und ich kam mir so fehl am Platz vor, dass ich nach kürzester Zeit die Reise ins Hotel angetreten hab.

 

Heute Abend aber wird es anders sein. Ich habe das Gefühl, dass ich mir diesen Abend verdient habe.

Dass ich eben mal nicht Mutter bin, als solche gesehen werde oder denke.

Dass ich als Frau angesehen werde und mich auch dementsprechend herausputze. Kein Still-BH, kein Kleidungsstück, was nach gegorener Milch riecht. Ich muss nicht darauf achten, dass mein Top sich leicht öffnen lässt, damit der schreiende Zwerg seinen Durst stillen kann. Ich muss nicht zweimal überlegen, ob diese Schuhe nicht zu hoch sind, wenn ich den Autositz aus dem Wagen hole und mit dem Kinderwagen über die Promenade schleiche. Ich muss nicht darauf achten, ob meine Ohrringe in Griffweite meines Kindes sind und mir eventuell die Ohrlöcher manuell erweitert.

 

Dieser Abend gehört mir allein, mir als Frau. Auch wenn es vielleicht nur ein Glas Wein ist. Oder eine Stunde.

Aber es ist die erste Stunde zurück zu mir als Frau.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0