Vorwurfsvolle Blicke

Von meinem Nachttisch aus starren mich vorwurfsvoll acht Bücher an. Sie kehren mir sozusagen den Rücken zu und ich fühle mich schlecht. Wie lange liegen sie schon dort?

Das eine, ein Krimi, wartet bestimmt schon ein halbes Jahr auf meine Aufmerksamkeit.

Dann ist da die Liebesgeschichte, bei der man so richtigweinen kann – O-Ton der Buchhändlerin.

Mein Freund hat mir ein Buch mitgebracht, einfach so, statt Kleid oder Schuhe von einem Shopping Trip. Auf Englisch allerdings. In diesem Buch steckt irgendwo in der Mitte ein abgefahrener Fahrschein – mein Lesezeichen. Ich muss also zumindest schon bis zur Hälfte gekommen sein.

Die leichte Sommerlektüre liegt ganz oben – für die stillende Mutter genau das Richtige. Große Schrift, eine Handlung, die man sich leicht merken kann – aber genau das macht das Buch so trivial. Irgendetwas in mir sträubt sich dagegen, dass ich mich mit Trivialliteratur beschäftige.

Die anderen Bücher sind Elternratgeber, die dürfen halb angelesen irgendwo rumliegen. In einem schmöker ich wirklich ab und an, die anderen beiden sind „nur für den Fall der Fälle“.

Mein Dilemma liegt aber ganz woanders. Darf ich, als Autorin, als Schriftstellerin, als Bloggerin, meine wenige freie Zeit dafür nutzen, selber zu lesen? Oder sollte ich die paar ruhigen Minuten des Tages für Wäsche waschen, aufräumen, Haushaltsarbeiten und an einem super guten Tag sogar für ein paar eigene Worte auf Papier reservieren? Wie machen andere Frauen das, die vor dem gleichen Problem stehen? Nun gut, einiges kann man parallel erledigen. Zum Beispiel in die Badewanne gehen und lesen. Oder in der Badewanne neue Gedanken zu Papier bringen. Oder während des Autofahrens Bücher hören. Oder während der Maniküre neue Gedanken denken. Oder während der Pediküre zu Papier bringen. Aber in den Rechner rein gehackt werden wollen die Wörter dann doch noch von Hand. Von MEINER Hand.

Man könnte sich all die Bücher als Hörbuch antun. Hat nur leider derzeit bei mir den gleichen Effekt wie bei meinem Kind – „Mama, nur eine Geschichte“ – und das Einschlafen ist vorprogrammiert. Ist also selbst bei so beliebten Orten wie dem Auto nicht wirklich praktisch, denn sofort werde ich mit meinen ungelesenen, aber gehörten Büchern zum Verkehrshindernis.

Nachmittags auf der Wiese liegen bietet sich im Sommer ebenfalls für kreative Ausbrüche an. Was mache ich aber meistens? Mittagsschlaf mit dem Kind. Einer der vielen Elternratgeber sagt, dass man seine Energien am besten bündelt, wenn man gleichzeitig mit dem Kind schläft und die Hausarbeit auf Wachphasen legt. Das klappt auch ganz gut – nur will mein Kind mitschreiben, wenn ich es während seiner Wachphase auf meinem Bauch platziere und dann in die Tastatur meines Laptops haue. Eventuelle Schreibfehler sind also nicht mir, sondern meiner Tochter zuzuschreiben.

Ich befürchte, diesem Dilemma werde ich nicht wirklich entkommen. Entweder blicken mich die Bücher an oder aber mein Laptop straft mich mit Nichtachtung, einem aufgebrauchten Akku oder einer Software, die aktualisiert werden möchte und dann das gesamte System lahmlegt – weil ich es so lange nicht genutzt habe.

Die Lösung kam mir gestern bei einer Massage, die ich unter einer Kombination von „kreativer Pause“ und „Schlafen wenn das Kind schläft“ verbucht habe. Ich bin nach Hause gegangen, habe mich ins Schlafzimmer geschlichen und die Bücher einfach umgedreht. Jetzt können sie mit dem Rücken zur Wand vor sich hin schmollen und ich muss mich nicht mehr mit den Titeln plagen. Und schlafe, wenn mein Kind schläft – oder lasse meinen Gedanken freien Lauf.

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