Liebes Leben, dank...

Wie funktioniert das eigentlich mit der Familie? Sucht man sich die aus? Schon wenn man ein kleines Etwas ist? Oder erst, wenn man größer ist und entscheiden kann, mit wem man sich abgibt?

 

Gestern erst hatte ich ein schönes Gespräch mit meiner Mutter und meinem Bruder. Mein Neffe ist ja nun auf der Welt und ich freue mich und bin mindestens genauso euphorisch wie er selbst. Wird mich das kleine Bündel Mensch mögen? Als Tante annehmen oder mich total bescheuert finden? Ich für meinen Teil kann ja nur sagen, dass ich mich klasse finde, so wie ich bin. Ich hätte gern eine Tante wie mich, nicht zuletzt, weil ich im Ausland wohne und man mit mir und meinem Wohnort so prima angeben kann. Man kann Ferien planen und Safaris ausmalen – auch, wenn die vielleicht niemals stattfinden würden.

 

Aber wie sucht man sich denn aus, wen man mag und wen nicht? Kinder machen das ja schon in frühen Jahren, die wollen der doofen Oma mit dem Mundgeruch keinen Kuss geben oder bei dem doofen Onkel auf dem Schoß sitzen. Die wollen mit dem verrückten Onkel durch die Stube toben und dass er Pferd mit ihnen spielt. Und die tolle Tante darf dann Tiere füttern im Park und einen feuchten Kehricht darauf geben, dass sie eben noch Absatzschuhe trug.

 

Als großer Mensch hat man es dann einfach, da sucht man sich dann aus, mit wem man gern zusammen ist. Wer einem „liegt“ und mit wem man gut reden kann. Vielleicht auch, mit wem man gut schweigen kann, wer zum toben geeignet ist und vor allem, wer seine Geheimnisse bewahrt.

 

Ich bin glücklich, dass meine verloren geglaubten Freunde wieder zurückgekehrt sind und wieder Teil meines Lebens sind und dass ich auch mit meinem Bruder wieder einen engen, innigen Kontakt pflege.

 

Hätte ich mich also meine Familie ausgesucht?

 

Meine verrückte Mutter, die noch immer gern schützend die Hand über mich legt, wenn die Welt mir Unheil will und der Menschheit ins Gesicht brüllt: lass mein Kind in Frieden?

Meinen verrückten Bruder, dem ich trotz meiner 3 Jahre Altersunterschied immer voraus war in Sachen „Vernunft“ und „Leben in den Griff bekommen“ und der mich nun nicht nur eingeholt hat, sondern mir einen Weg zeigt, nachdem ich mich insgeheim schon lange sehne?

Meinen Stiefvater, der seit mehr als 20 Jahren eine Vaterfigur für mich darstellt und der es einfach akzeptiert hat, in den Arm genommen zu werden, obwohl er das aus seiner Kindheit nie kannte? Dessen Geschichte mittlerweile jeder meiner Freunde kennt (in welchem Örtchen er schon an welchem Baum gepinkelt hat und wo er Urlaube mit nem Bierchen und nem Schnaps hat ausklingen lassen?)

Meine Omi, die leider viel zu früh gegangen ist und die ich nie richtig kennenlernen konnte, die ich aber als große, stolze und schöne Frau in Erinnerung habe und die es noch immer schafft, mir Tränen der Zuneigung in die Augen zu treiben, egal an welchem Ort der Welt ich bin, ohne, dass ich jemals an ihrem Grab stand?

Ihr Mann, mein Opi, der auch hohen Jahren noch gereist ist und sich von mir hat Karten schicken lassen in Englisch und Französisch, damit er nicht einrostet?

Oder meine Großeltern väterlicherseits, die mir durch ihre schräge Art und ihre 67 Jahre Ehe Ideen für meinen neuesten Roman gegeben haben?

Mein Lieblingsonkel mit seinem absoluten Gehör, der Waldhorn geblasen hat in irgendso einem Orchester (Berliner Symphoniker? Berliner Philharmonieorchester?), der mich seit Tag 1 meines Daseins auf dieser Erde als „Zuckerpuppe“ kost und mich selten anders nennt (ob er überhaupt meinen richtigen Namen kennt?)

Und seine Frau, die nie leidet, die all ihre Krankheiten erträgt, mit Würde und kaum ein Wort darüber verliert.

 

Würde ich all diese Personen so selber wählen? In Momenten, in denen ich fern bin, auf jeden Fall. Da gehen sie mir nicht auf den Keks.

In Momenten, wo wir gerade beieinander waren, lauthals miteinander gestritten, diskutiert und uns wieder vertragen haben, vermutlich nicht. So lange, bis sie im auto sitzen und ich ihnen das letzte „Lebwohl“ winke. Danach vermisse ich sie wieder.

 

Nun also Welt. Ich wählte meine Freunde mit Bedacht, weil sie zu mir passen, weil sie etwas in mir zum Klingen bringen, was ich so nicht habe. Ich vermisste mit ihrem Fernsein aus meinem Leben also auch einen Teil meiner selbst.

 

Schön, dass es euch alle gibt. Schön, dass ihr ein Teil meines Lebens seid.

 

Und kleiner Till, glaube mir, ich bin ne super Tante!!!

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Kommentare: 1
  • #1

    jette (Sonntag, 28 Oktober 2012 13:45)

    Hey, erkenne ich da an der einen oder anderen Stelle (Absatzschuhe im Park, verrückte Reitspiele ...) meine Kinder wieder?! ;-)