Darf man einen Lieblingsobdachlosen haben?

Darf man einen Lieblingsobdachlosen haben? Die einen sagen so, die anderen so. Manche sagen gar nichts. Hast du einen?

Wie mondän ist das? Wie weltlich? Fast ein wenig mittelalterlich. Ich für meinen Teil habe einen. Und meine Freundin Sabine hatte auch einen bevorzugten Obdachlosen. Und Marylin auch. Ihrer hiess "mein kleiner Freund". Was macht einen Obdachlosen zum Lieblingsobdachlosen? Und ist das politisch korrekt?

Seien wir mal ehrlich - zu uns und der Welt. Es gibt Menschen, die berühren uns. Unsere Seele, die bringen etwas zum Schwingen. Mein Lieblingsobdachloser heisst Francois. Woher ich das weiss? Nun, ich habe gefragt, als ich ihm das letzte Mal etwas Geld inseinen abgewetzten Pappbecher warf. Er ist halb-blind und sieht herunter gekommen aus. Wie viele Versuche ich schon gemacht habe, um ihm zu helfen, um ihn zu retten, kann ich gar nicht sagen. Es gibt wenig Obdachlosenheime in Kapstadt und wir haben zweimal versucht, ihn in einem unterzubekommen. Mit viel Überredungskunst haben wir einen Platz für ihn bekommen und wären bereit gewesen, für seine Matratze und seinen Platz in diesem Heim zu bezahlen. Aber er büchst immer wieder aus. Er ist ein Kind der Strasse, seit Jahrzehnten lebt er unter der afrikanischen Sonne, schläft unter dem Kreuz des Südens. Was macht ihn nun aber zu MEINEM Obdachlosen? Er lässt sich nicht beugen. Er lässt sich nicht brechen. Er lebt lieber auf der Strasse anstatt sich helfen zu lassen. Das kann man Sturheit nennen oder als Dummheit bezeichnen. Man kann es aber auch als Stolz sehen und als Freiheitsliebend.

Er hat sich in mein Herz geschlichen, als ich ihn an einem Bankgebäude stehen sah. Sofort kam mir das Lied in den Sinn "Streets of London" und Tränen schossen mir in die Augen. Wie er da so stand, blind, vor sich hinwiegend, mit schmutzigen Händen und verdreckten Klamotten, musste ich an seine Geschichte denken, die wir mit ihm erlebt haben. Mein Herz quoll über mit Liebe und Traurigkeit, mit Respekt und Wehmut. Ich konnte nur summen und heulen - und ihm etwas Geld in seinen Becher werfen und seinen Stolz akzeptieren. Und vor allem respektieren.

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